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Überblick über die Geschichte Nicaraguas

Kurzübersicht siehe Zeitleiste

Über die Frühgeschichte Nicaraguas ist bisher wenig bekannt. Bis vor rund 30.000 Jahren war der amerikanische Kontinent unbewohnt. Den Tieren auf ihrer Wanderung über die in der Eiszeit begehbare Beringstraße kam der Mensch von Asien nach Amerika. Auch die mittelamerikanischen Völker haben asiatischen Ursprung. Die Einwanderer aus dem asiatischen Raum waren Jäger und Sammler und besiedelten von Norden her den ganzen amerikanischen Kontinent. Es wird angenommen, dass diese Menschen nicht sesshaft waren. Sie waren in der Lage Steinmetzarbeiten auszuführen, setzten bereits die Steinschleuder - auch atlatl genannt - ein und beschäftigten sich mit der Astronomie.

Mit dem Rückgang des Großwildes am Ende des Pleistozän (Eiszeit) mussten sich die Jäger auf kleineres Wild wie Rehe und Kaninchen spezialisieren. Auch wurden die Menschen gezwungen, immer häufiger zu ihren vertrauten Plätzen zurückzukehren, wo sie Beeren, Früchte, Wurzeln und Samen als Nahrung finden konnten. Etwa vor 8.000 Jahren begannen die Menschen halb-dauerhafte Siedlungen zu bilden, in denen sie Nahrungspflanzen anbauten. Samen wurden für die nächste Pflanzsaison aufbewahrt. Es fand kein intensiver Ackerbau statt, aber diese Jäger- und Sammler-Gemeinschaften legten den Grundstein für die landwirtschaftlichen Kulturen der Olmeken, Maya und Azteken.

In der Zeit zwischen 7.000 und 2.000 v. Chr. entstehen die ersten dauerhaften Siedlungen in Mittelamerika. Die Jäger und Sammler beginnen damit, ihre bevorzugten Plätze jahreszeitbedingt aufzusuchen und betreiben den Anbau von wilden Samen. Es ist der Anfang der Kultivierung von Nahrungspflanzen, welche für die spätere Zivilisation Grundlage der Ernährung wird. Der genaue Zeitpunkt, wann und wo mit der Kultivierung von Pflanzen begonnen wurde, beschäftigt auch heute noch die Archäologen. Bei Ausgrabungen in Felslagern und in Höhlen im Tehuacantal (Mexiko) wurden Überreste von Kulturpflanzen wie Kürbis, Baumwolle, Avocado und Chilischoten entdeckt. Diese Funde wurden zwischen 7.000 und 5.000 v. Chr. datiert. Auf dem heutigen Staatsgebiet von Nicaragua lässt sich auf der Insel Ometepe im Nicaragua-See eine Besiedelung mit Feldbau und Töpferei aus der Zeit um 1.500 v. Chr. nachweisen. Obwohl sich im Gebiet des heutigen Nicaragua keine eigenständige Hochkultur entwickelte, bestanden jedoch Handelskontakte mit dem Maya- und Aztekenreich.

Cristóbal Colón (Christoph Kolumbus) erreicht 1502 auf seiner vierten Amerikareise das Gebiet des heutigen Nicaragua an einem Kap im Norden, das er „Gracias a Dios“ (Gott sei Dank) nennt. Er segelt auf der Suche nach einer Passage Richtung Westen die Ostküste nach Süden. Die Spanier erobern 1522 bis 1524 Nicaragua unter Führung von Hernández de Córdoba, nach dem die heutige Währung des Landes benannt ist. Sie treffen auf verschiedene, kulturell hochentwickelte Völker, die sich untereinander zum Teil heftig befehden. Dennoch leisten die Indios, vor allem unter Führung des legendären Caciquen Diriangén, heftigen Widerstand. Der Einfluss der Spanier beschränkt sich auf die Pazifikregion, das östliche Tiefland mit seinen dichten Dschungeln wird nicht kolonialisiert. Nicaragua dient vor allem als Lebensmittelproduzent für die spanischen Kolonialheere. Ein Großteil der ansässigen indianischen Urbevölkerung wurde von den Spaniern im Zuge der Eroberung und Kolonialisierung Nicaraguas getötet, versklavt oder verschleppt.

1550 wurde Nicaragua an das Generalkapitanat Guatemala angegliedert. Englische, französische und holländische Piraten benutzten die Mosquitoküste als Operationsbasis für ihre Aktionen gegen die spanische Handelsflotte.

Während des 17. Jahrhunderts übernahmen die Engländer die Herrschaft über die an der Pazifikküste lebenden Indianer - die Briten errichteten Stützpunkte an der atlantischen Mosquitoküste und riefen dort ein Königreich der Mísquitos aus, das sie später in ein britisches Protektorat umwandeln.

1811/12 kommt es in den großen Städten Granada, León, Masaya und Rivas zu Aufständen gegen die Kolonialherrschaft. Nicaragua und andere mittelamerikanische Staaten erklärten 1821 ihre Unabhängigkeit von Spanien und gründeten 1823 die Vereinigten Staaten von Zentralamerika (Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica). In der Konföderation kam es jedoch bald zu Spaltungstendenzen, und 1838 wurde Nicaragua zur unabhängigen Republik mit der Hauptstadt León.

Im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit rangen die beiden bedeutendsten Städte des Landes, das liberale León und das konservative Granada, um die Vorherrschaft. Die Liberalen engagierten zu ihrer Unterstützung den amerikanischen Abenteurer William Walker. 1855 kam Walker mit nur 56 Kampfgefährten nach Nicaragua. Es gelang ihm, die Stadt Granada zu erobern. Daraufhin erklärte er sich selbst zum Präsidenten, ein Akt, der die Bürger sowohl Granadas als auch Leóns erzürnte. Die früheren Streitigkeiten waren durch den gemeinsamen Widerstand vergessen, und die Bevölkerung vertrieb Walker 1860 gemeinsam aus dem Land. Mit der Ernennung des zwischen León und Granada gelegenen Städtchens Managua zur Hauptstadt wurde die Kontroverse um die Vorherrschaft beigelegt.

Etwa dreißig Jahre lang blieben die Verhältnisse unter der konservativen Regierung relativ stabil. Im Jahr 1893 ergriff jedoch José Santos Zelaya als Diktator die Macht. Dessen Versuche, seinen Einfluss auch auf die anderen zentralamerikanischen Staaten auszudehnen, beunruhigten die USA und Mexiko, die mehrmals eine Intervention erwogen. Doch im Jahr 1909 wurde Zelaya von seinen eigenen Landsleuten gestürzt.

Die verworrenen und instabilen innenpolitischen Verhältnisse bewegten den Präsidenten Adolfo Diaz 1912 dazu, die Vereinigten Staaten um Hilfe bei der Wiederherstellung der Ordnung im eigenen Land zu bitten. In den folgenden 20 Jahren war der Einfluss der amerikanischen Politik in Nicaragua sehr stark. Bis die Marineinfanterie 1933 das Land endgültig verließ, sorgten sie für die ordnungsgemäße Durchführung von Wahlen und verteidigten die Interessen der Vereinigten Staaten.

Im Jahr 1916 wurde ein Vertrag zwischen Nicaragua und den Vereinigten Staaten geschlossen, wobei die USA gegen eine Zahlung von 3 Millionen Dollar das Recht erwarb, einen Kanal durch Nicaragua zu bauen. Dieses Anrecht besteht bis zum heutigen Tage.

Eine bedeutende Figur in der Geschichte Nicaraguas ist Augusto César Sandino (1895-1934). Sandino nahm an der Seite des liberalen Generals Moncada mit eigenen Truppen sehr erfolgreich am Kampf gegen die konservative Regierung und die amerikanischen Interessen in Nicaragua teil.

Augusto César Sandino

Konservative und Liberale stellen 1927 durch den Druck der USA ihre Kämpfe ein. Sandino zieht sich mit 29 seiner Vertrauten in den Norden zurück und baut ein neues Heer aus Bauern auf. Er will den Kampf erst aufgeben, wenn die US-Truppen Nicaragua verlassen haben. Sandino entwickelt den Guerrillakrieg zu einer äußerst erfolgreichen Kampftaktik, die den USA Niederlage auf Niederlage bereitet. Die USA gründen die „Guardia Nacional“ (Nationalgarde), der nur Nicaraguaner angehören, um sich allmählich aus diesem Krieg zurückziehen zu können. Oberster Befehlshaber dieser Nationalgarde wird Anastasio Somoza García, der seine Macht kontinuierlich ausbaut, wobei ihm die Schwäche des Präsidenten Sacasa, seines Schwiegervaters, zugute kommt.

Nach dem endgültigen Abzug der US-Truppen 1933 willigt Sandino in einen Waffenstillstand ein. Er löst sein „kleines, verrücktes Bauernheer“ auf und zieht sich mit seinen Anhängern an den Río Coco zurück, wo er landwirtschaftliche Kooperativen und Bergbaugenossenschaften gründet. Die Nationalgarde wütet unter Sandinos Anhängern. Sandino reist deshalb mehrfach nach Managua, um mit Präsident Sacasa zu verhandeln. Der Chef der Guardia Nacional, Anastasio Somoza García, lockt 1934 Sandino in Managua in einen Hinterhalt und lässt ihn gemeinsam mit zweien seiner Generäle ermorden.

Im Jahr 1936 wurde der Diktator General Anastasio Somoza García (1896-1956) Präsident Nicaraguas. Von diesem Zeitpunkt an wurde Nicaragua über 40 Jahre lang bis 1979 von Mitgliedern der Familie Somoza beherrscht, die entweder die Präsidenten stellte oder hinter den Kulissen die Fäden zog.

1961 wurde die Sandinistische Nationale Befreiungsfront (Frente Sandinista de Liberación Nacional, FSLN) gegründet, benannt nach Augusto César Sandino. Im Jahr 1979 gelang es den Sandinisten, das Regime der Familie Somoza zu stürzen, und 1980 errichteten sie ein linksgerichtetes Regime. Während der 1980er Jahre wurden die Sandinisten durch die von den USA unterstützten Contras (Kontrarevolutionäre) - einer vor allem aus ehemaligen im Exil lebenden Mitgliedern der Nationalgarde Somozas bestehenden Gruppe - bekämpft. Die Sandinisten unter ihrem 1984 gewählten Präsidenten Daniel Ortega (*1945) knüpften daraufhin engere Kontakte zu Kuba und zur Sowjetunion.

Im März 1988 vereinbarten Regierung und Contras einen Waffenstillstand, der Ende 1989 jedoch wieder aufgehoben wurde. Erst 1990 endete der Bürgerkrieg, der mit 50.000 Toten, tausenden Verletzten und Obdachlosen dem Land tiefe Wunden geschlagen hat.

Bei den Präsidentenwahlen 1990 verloren die Sandinisten ihre Mehrheit an die oppositionelle "Union Nacional Opositora" (UNO). Neue Präsidentin wurde Violeta Barrios de Chamorro (*1929). Die neue Regierung entwaffnete die Contras und suchte den Ausgleich mit den Sandinisten. Darüber zerbrach 1992 das Parteienbündnis UNO. Von 1996 bis 2002 war Arnoldo Alemán Lacayo (*1946), Kandidat der rechten Liberalen Allianz, Staatschef des Landes. Umstritten ist zwischen Regierung und FSLN-Opposition vor allem die Frage des Landbesitzes.

2002 wurde Arnoldo Alemán abgewählt und sein rechtsliberaler Parteikollege Enrique Bolanos übernahm die Macht. Bolanos stellte sich bald nach der Amtsübernahme gegen Alemán und ordnete an, dass er und seine Familie festgenommen werden. Die Familie floh in die USA, Alemán blieb im Land und wurde unter Hausarrest gestellt. Zwei unbestechliche sogenannte „Barfuss-Richterinnen“, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen, haben mit ihren Untersuchungen gegen den Ex-Präsidenten das Land in Atem gehalten. Im Dezember 2003 wurde Alemán zur Höchststrafe von 20 Jahren Haft verurteilt. Sein Antrag auf Amnestie wurde abgewiesen, und am 20. März 2004 wurde er ins Gefängnis überstellt. Ihm wurde eine gigantische Betrugs-Maschinerie nachgewiesen. Er hatte riesige Summen von Steuereinkünften auf Privatkonten umgeleitet.

Bolanos offizielles Regierungsprogramm sieht die Bekämpfung der Korruption und eine Ankurbelung der Wirtschaft durch ausländische Investoren vor. Erste konkrete Schritte und Erfolge, wie die Verurteilung von Aleman, brachten ihm zunächst die Unterstützung der Bevölkerung ein. Für einen Großteil der Bevölkerung stehen aber nach drei Jahren Amtszeit von Präsident Enrique Bolanos seine Wahlversprechen weiterhin leer im Raum.

Wie sieht die Situation der FSLN aus? Nach wie vor ist Daniel Ortega das Aushängeschild der Sandinisten. Er ist trotz aller Vorbehalte und Kritik an seiner Person immer noch Integrationsfigur und Hoffnungsträger. Die FSLN versucht, mit dubiosen Pakten mit den Liberalen und der konservativen Amtskirche wieder an die Macht zu kommen. Das führt dazu, dass sich innerhalb der FSLN heftige Richtungskämpfe abspielen. Dazu kommt, dass sich die USA zunehmend in die Innenpolitik einmischt und daran arbeitet, die Sandinisten politisch zu isolieren. Am 7. November 2004 wurden in Nicaragua Kommunalwahlen abgehalten. Die FSLN konnte die Zahl der von ihr regierten Gemeinden mehr als verdoppeln und hat seither in fast  allen wichtigen Städten des Landes die Mehrheit.

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